Bobby McFerrin

Orchestertournee mit dem Münchner Rundfunkorchester
   

Bobby McFerrinTourneedaten:
12. bis 25. März 2012

Münchner Rundfunkorchester
Dirigent: Bobby McFerrin


„Ich versuche zu dirigieren, indem ich Körper und Hände singen lasse. Du versorgst sie – inspiriert vom Augenblick – mit Energie und weckst Leidenschaft“, sagt Bobby McFerrin, der mit seinem unkonventionellen Stil zahlreiche berühmte Orchester samt Kritik überzeugte. Was er von seiner Lebens- und Kunsteinstellung an Publikum und Musiker weitergibt, wird von diesen verstanden – vielleicht der wichtigste Schlüssel zum Erfolg eines Mannes, der seit Jahrzehnten Millionen von Zuhörern begeistert. Seit vielen Jahren dirigiert er symphonische Orchester – nachdem er mit seinem Ohrwurm einen Welterfolg hatte. „Ich konnte nicht mehr, ich wollte etwas anderes.“ Und während ihn damals Duzende von Anfragen für Fernsehauftritte erreichten, versteckte er sich in Übungsräumen. Er nahm Dirigierkurse bei Seiji Ozawa und Leonard Bernstein und dirigiert mittlerweile u.a. die Wiener Philharmoniker.

Es verbindet in schon seit längerer Zeit eine sehr enge Freundschaft mit dem Münchner Rundfunkorchester. Seit einigen Jahren macht er nur noch exklusiv mit „seinem Münchner Lieblingsorchester“ Tourneen, die in dieser Kombination in Städte wie Zürich, Luzern, Zagreb und alle großen deutschen Konzertstädte führten. Die Programme reichen von barocken Klassikern über Beethoven bis zu Ravels Meisterwerken, und natürlich lässt Bobby McFerrin auch in den Orchesterkonzerten seine vielseitige Stimme erklingen – mal als zweite Cellostimme, mal als eine Solo-Violine und manchmal in spontanen Solo-Improvisationen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im März 2012.



Presse
FREIHEIT EINES ERLEUCHTETEN
Glück aus Körper und Musik: Bobby McFerrin verzaubert die Philharmonie in München

„Zwei Stunden lang reines Glück. Und hören und sehen, erleben, bedenken, was eigentlich den Ausnahmemusiker Bobby McFerrin ausmacht, seine Anziehungskraft, die bezwingende Wirkung in einem großen Konzertsaal. Und wie es geschehen konnte, dass der Mann des Vocal Jazz und erst spät des Taktstocks in kurzer Zeit zur Kultfigur des Klassik-Musikbetriebs aufsteigen konnte. Ein Erleuchteter, eine Art Erretter aus der unbezweifelten Krise der Klassischen Musik?
Zunächst einmal: Der Mann kommt mit einer beneidenswerten, ja alarmierenden Ungezwungenheit auf die Bühne. Da ist jemand, der anscheinend nicht das übliche „Gepäck" bei sich hat: Klassik-Konventionen, Rollenverständnis von Kompetenz plus Allmacht, Selbstgefälligkeit der unangenehmen Sorte. Betritt Bobby McFerrin - kein Frack oder Jackett, sondern schwarze Hose, schwarzes Seidenhemd - das Podium, wirbelt er auf dem Weg zum Pult schon mal das Dirigentenstöckchen in die Luft und fängt es wieder auf, einfach so, aus spielerischem Geist, purer Elastizität. Ihn beflügeln Eleganz und Heiterkeit - und eine überwältigende Musikalität. Ist ein Stück zu Ende, steckt er sich zum Entzücken aller das Stäbchen keck in seine Rasta-Locken ...
Seltsamerweise klingt genauso leicht, transparent, jederzeit „verstehbar" die Musik, das von McFerrins Kunst und Person merkbar animierte Münchner Rundfunkorchester mit Stücken von Rossini und Faure, Rimsky-Korssakoff und Mendelssohn-Bartholdy. Dazwischen, unmittelbar vor der Pause, bietet der Künstler eine Auswahl vokaler Solo-Improvisationen zu einem ungewöhnlichen Anblick. Er bleibt allein auf dem Podium, nimmt einen Schluck Wasser, das Mikro, setzt sich zum Singen aufs Podest, während sich die Orchestermusiker eilig im Saal Verteilen, um nur ja keinen Ton McFerrins zu versäumen. Er ist durch und durch ein Phänomen, eine der größten Begabungen auf der heutigen internationalen Musikszene. Mehr Zauberer als - dafür zu bescheiden, zu sehr Musiker - gewiefter Entertainer. Technisch-musikalische Kontrolle und die Lust zur Hingabe an die Musik gehen eine vollkommene Einheit ein, Geist und Körper McFerrins schwingen völlig synchron, denn sie sind sein Instrument. Schwer zu sagen, womit Bobby McFerrin mehr überzeugt, suggestiv wirkt: mit Dirigieren oder Singen.
Seine Dirigierkunst kommt ohne aufdringliche, „gewollte" Schlaggestik aus; diese umschreibt bloß den direktesten Weg von den Noten, dem inneren Ohr und der Körpersprache des Dirigenten zu den Orchesternlusikern. Kein Gramm Pose, zur Schau getragene Bedeutung. Direktheit und Unmissverständlichkeit der Gestik, vor allem der rechten Hand, natürlicher Bewegungsfluss, es sind die wichtigsten Mittel solchen Dirigierens. Dass er die Partituren im Kopf hat und sie wie frei improvisiert aufs Orchester projizieren kann, überträgt sich spontan auf die Hörer.
Denn die Musik, die Bobby McFerrin dirigiert, bezaubert unmittelbar: durch Tonschlankheit, Transparenz und Eindeutigkeit der Fornlgestaltung. Richtige Phrasierung versteht sich für einen Sänger seines Kalibers von selbst. So entbehrt Rossinis „Seidene Leiter" jeder Affektiertheit und des Tempodrills, wird geschmeidig gehalten. So kommt Rimsky-Korssakoffs „Capriccio Espagnol" nicht ins folkloristische Schwitzen, betört durch souverän gesetzte Koloristik, tänzerischen Feinschliff und die Kunst der kleinsten Verzögerungen. So überzeugt nach der Pause Mendelssohn-Bartholdys „Italienische" Symphonie als Elfenmusik, schwerelos, bar jeden Nachdrucks - Präzision, Charme, Form, Poesie gehen im Augenblick, im Klang auf.
Oder sind es doch die Stimmkünste des Bobby McFerrin, die den Vorzug verdienen? Seine überwältigende Intonationssicherheit, virtuose Stimmregisterwechsel, die Vielfalt in der Farbgebung und eine atemberaubende vokale Polyphonie, rhythmische Präzision, Spiel der Körperresonanzen - alles dem Geheimnis des Goldenen Schnitts abgelauscht? Afrikanischer Gesang und der Blues und die Polyphonie der Pygmäen bekommen miteinander zu tun; riskanteste Tonsprünge, Sprechgesang, Perkussion auf dem eigenen Corpus - der Mann ist ein multikulturales Orchester, wenn er improvisiert. Spätestens hier, bei der Vokal-Improvisation, wird deutlich, wo McFerrins Zentrum liegt: in der eigenen Bewegung, in seiner Freiheit. Den Satz haben wir so ähnlich schon einmal gehört: „Du spielst - und denkst nicht, lässt einfach etwas entstehen." Die Zuhörer wickelt McFerrin dabei mühelos um den kleinen Finger, er animiert zum Mitmachen, hält Singstunde und wirft die Einsätze in den Saal: Die Hörer im linken und rechten Block dürfen sich einmischen, lernen „interaktiv", singend den Unterschied von einer Terz auf- und einer Quart abwärts.
Nun, beide Weisen des Musizierens - Dirigieren und Singen - sind bei McFerrin untrennbar miteinander verbunden. Denn bei ihm ist der Körper selbst - anders als bei den anderen Pultgrößen - Instrument und Medium des Dirigierens, die Arme, der Atem, die Musik, der Kopf und das Herz sind restlos verschmolzen.
Bobby McFerrin und das Münchner Rundfunkorchester befinden sich auf einer kleinen Deutschland- und Österreich-Tournee. Aber die Philharmonie in München ist doch ein besonderer Ort für diesen Künstler. Als Kulturreferent hätte ich ihn vor drei Jahren zum Celibidache-Nachfolger gemacht, sagt Jürgen Kolbe vor dem Konzert. Zugaben und Jubel im Saal."

WOLFGANG SCHREIBER
Süddeutsche Zeitung, München
Februar 2000