Ulrich Tukur

Mezzanotte - Lieder einer Nacht
   

Ulrich TukurTourneedaten:
November/Dezember 2010 und Sommer 2011

Ulrich Tukur – Sänger, Schauspieler und Akkordeonist
Lutz Krajenski – Arrangeur und Pianist
Wolfgang Stockmann - Regie
Götz Loepelmann – Bühnenbild

Klarinetten/Saxophon: Edgar Herzog
Posaune, Tuba, Gitarre: Uwe Granitza
Violine: Jansen Folkers
Violoncello: Martin Bentz
Kontrabass: Olaf Casimir
Schlagzeug: Matthias Meusel


Was die Nacht nicht hat, das macht sie - Gespenster oder wenigstens Falter, tausend Augen und alle Katzen grau. Und dazu Lieder, selbstredend, für jede Schattenseite und Stimmung passend, von sternenklar bis pechrabenschwarz. Sich unter all diesen Gesängen und Geschichten zu entscheiden, wäre schon problematisch, noch dazu Entdeckungen zu machen, fast vergessene Schätze der Lied-, Song-, Chanson- und Canzone-Kultur neben den immergrünen Hits zu heben, scheint nahezu unmöglich. Doch es gelingt Ulrich Tukur und seinen musikalischen Mitstreitern unter der Leitung von Lutz Krajenski auf diesem Album - mit Bravour. »In der Nacht passieren die absonderlichsten Dinge«, betont er. »Die Nacht ist spannend, und sie steht für so viel: für Liebe, Tod, Verbrechen, Rausch . . . Das sind doch tolle Themen, die sich da unter dem Stichwort ›Nacht‹ subsumieren - kein Wunder, dass sie so unendlich oft besungen, angedichtet und verkomponiert worden ist.«

Die Idee, ein abend- und schallplattenfüllendes Programm daraus zusammenzustellen, hatte Ulrich Tukur schon vor geraumer Zeit, schließlich ist er nicht nur als Träger zahlreicher Filmpreise bekannt und beliebt, sondern auch als Sänger, als musikalischer Geschichtenerzähler, sogar als Ehrenpräsident des Chores im toskanischen Städtchen Montepiano. Neben dem Bühnenprogramm, einem »Kaleidoskop nächtlicher Lebensillusionen « in Wort, Tat und Lied, in dem Tukur in Personalunion als Flaneur, Verführer, Spieler, obendrein verrückt, verzweifelt und sehnsüchtig brilliert, erscheint nun dieses wunderbare Album mit seinen persönlichen Lieblingsliedern zur Nacht. »Ich habe einfach herumgesucht«, meint Ulrich Tukur, nuschelig und nebensächlich, fast so, als hätte er keine 2000 einschlägigen Schellackplatten gesammelt und sich keine enorme Kenntnis der Materie angeeignet.

»Die neuen Lieder habe ich mir alle beibringen müssen«, gesteht er, »vor allem die französischen. Vecchio frack kannte ich früher noch nicht einmal, dabei war es ein großer Erfolg für Domenico Modugno und vielleicht sein beliebtestes Lied in Italien.« Diese dramatische Liedgeschichte um den alten Selbstmörder im Frack gab schließlich den Anstoß zu Mezzanotte und zieht sich wie ein roter Faden durch das dazugehörige Bühnenprogramm. Davon ausgehend ergründet Ulrich Tukur mit seiner charmanten und angenehm patinierten Tenorstimme auch Werner Bochmanns Die kleine Stadt will schlafen geh’n oder den Coco-Schumann-Hit Ausgerechnet heute Abend. Zu seinen Entdeckungen zählt der Schlager Hörst du das Meer? von Wera und Alexander von Chevtschenko. »Das Stück habe ich zum ersten Mal auf einer alten Schellackplatte gehört«, erzählt der Interpret. Eine wahnsinnige Schnulze über das Meer, die Nacht und den Wind, aber wunderschön.

Zwischen den attraktiven alten Liedern der Nacht finden sich indes auch zwei nagelneue: Zur schrecklich-schönen Moritat von Willy Williams, hat Tukur nicht nur die Musik, sondern auch den Text verfasst, in Anlehnung an Bertolt Brechts Aufarbeitung der Mördergeschichte um Johann Apfelböck und ausgerechnet als Hausarbeit für seine in den USA aufgewachsene Tochter Lili - oder war es deren Schwester Marleen? Die Großstadt träumt, »ein Stück post-expressionistischer Großstadtlyrik in der Tradition von Mascha Kaléko«, stammt textlich von Tukur und musikalisch von Lutz Krajenski.

Tatsächlich ist Mezzanotte ein Gemeinschaftswerk, bei dem jedoch Ulrich Tukur als Interpret und Impresario ganz deutlich im Vordergrund steht. »Ich bin sehr froh, dass die Idee und die Musik so gut zusammengekommen sind«, sagt der erklärte Nachtmensch. »Auch bin ich wirklich glücklich, dass wir das Ganze in so vielen Sprachen hingekriegt haben. Er fasst sich ans Kinn, schauspielt den Nachdenklichen, und sagt dann: »Nur leider haben wir das Thema ja nicht ganz durchgehalten: Illusions ist kein Nachtlied. Aber man kann sich ja auch nachts Illusionen machen, die am Tag in Nichts zerfallen. Und überhaupt: Diese tolle Version von Marlene Dietrich, die sie im Film A Foreign Affair von Billy Wilder gesungen hat, findet schließlich in einem Nachtklub statt. Na bitte, passt also doch!« Da lacht er, der singende Schauspieler, zitiert den geliebten Text von Friedrich Hollaender - »want to buy some illusions, slightly used, second-hand?« - und geht ab, in die Nacht.

(Text: Götz Bühler)



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