Harald Lesch über seine Tournee „Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“
Ein Gespräch über eine Jugend in der Kneipe, Bach als Türöffner zur Klassik und den Beginn eines ausgeklügelten Konzertprojekts.
Er gilt als Deutschlands bekanntester Wissenschaftskommunikator. Zu Gast in unserem Büro erzählt Harald Lesch in gelöster Atmosphäre persönliche Anekdoten. Im Interview erfahren Sie mehr über seinen geplatzten Traum, Astronaut zu werden, der ihn zur Astronomie führte, und darüber, wie er als erster Akademiker seiner Familie in seinem Heimatdorf das Kommunizieren und Argumentieren lernte. Außerdem verrät er, warum die Konzerte mit dem Merlin Ensemble Wien unter der Leitung von Martin Walch ein ganz besonderes Erlebnis sind – eine breite Palette an Emotionen ist garantiert.
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„Wenn dich der Himmel so interessiert, dann werd doch Astronom.“
MünchenMusik: Woher stammt Ihre Leidenschaft für die Astronomie?
Harald Lesch: Ich habe mich 1970 beworben, um Astronaut zu werden, da war ich zehn. Also es war völlig klar, wo es langgeht. Und die NASA hat mich leider ziemlich enttäuscht: „Ja, hier mit Brille kannst du natürlich kein Astronaut werden. Außerdem bist du kein Amerikaner, kannst also auch kein US-Astronaut werden. Aber wenn dich der Himmel so interessiert, dann werd doch Astronom.“ Das war ein offizieller Brief, also mit allem drum und dran. Der hängt heute über meinem Schreibtisch.
„Ich bin der erste Akademiker meiner Familie. Ich musste allen immer erklären, was ich eigentlich so mache.“
MünchenMusik: Wie haben Sie gelernt Menschen Inhalte so gut zu vermitteln?
Harald Lesch: Ich bin in einer Kneipe aufgewachsen und meine Oma hat mich immer in die Situation gebracht: „Geh mal zu dem Mann da und frag mal, was er will, der ist nicht von hier.“ Das heißt, ich war immer der Kommunikator sozusagen nach außen. Und was noch dazukommt, ich bin der erste Akademiker meiner Familie. Ich musste allen immer erklären, was ich eigentlich so mache. Der Zweifel war groß und das Vertrauen, „Kerle, hoffentlich wird was aus dem Jungen“, war nicht so groß. „Was soll denn das geben? Astronomie, damit kann man doch kein Geld verdienen.“ Das gipfelte mal in dem Satz meiner Oma: „Kerle, mit Horoskope, Harald, das ist doch nichts.“
„Mein Gott, du kannst alle möglichen Gleichungen lösen, aber du kannst deine linke Hand nicht unabhängig von deiner rechten bewegen.“
MünchenMusik: Welchen Bezug haben Sie zur klassischen Musik?
Harald Lesch: Also die erste Platte, die ich hatte, war nicht irgendwelcher Rock, Pop und sonst irgendwas, sondern Bachs Brandenburgische Konzerte. Ich war total begeistert. Ich hatte keine Ahnung von dieser Musik, überhaupt keine. Aber meine Nachbarn, bei denen lief das und ich wollte wissen, was das ist. Und so bin ich mit zwölf Jahren mit Bach konfrontiert worden. Ich hab mit 35 angefangen Klavier zu spielen. Einer meiner ersten Doktoranden war mein Klavierlehrer. Ich hab gesagt: „Hauke, ich will nur eins spielen können: Präludium in C-Dur, mehr will ich gar nicht.“ Ich weiß ganz genau, wie ich über dem Klavier sitze und verzweifelt versuche, mit links was anderes zu spielen als mit rechts. Und dann fällt von oben ein Schweißtropfen drauf und Hauke sitzt daneben und lacht sich halbtot. „Mein Gott, du kannst alle möglichen Gleichungen lösen, aber du kannst deine linke Hand nicht unabhängig von deiner rechten bewegen.“
„Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich direkt jemandem gegenüber stand, der es richtig kann.“
MünchenMusik: Wie entstand das Projekt „Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“?
Harald Lesch: Merlin hat mich kontaktiert, sie würden da was machen über die vier Jahreszeiten und das wäre ja ein ideales Projekt. Ich habe sofort gesagt: „Na klar.“ Also das schien mir so offensichtlich zu sein, das zu machen. Völlig logisch. Ich hatte bis dahin noch nie mit Musikern zusammengearbeitet, schon gar nicht mit so einer Wahnsinnsgruppe. Und dann fingen die dann vor meinen Augen an zu spielen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich direkt jemandem gegenüber stand, der es richtig kann. Ich hatte das Gefühl, ich werde weggedrückt. „Was ist denn das?“ Das hatte ich noch nie erlebt, das war großartig. Und dann haben wir erst mal geguckt, wie würde denn das sein, wenn ich jetzt dazu käme. Das ist ein ganz langer Entwicklungsweg gewesen. Heute haben wir ein sehr, sehr fein aufeinander abgestimmtes Programm. Und dann haben wir gemerkt, dass das Publikum das wirklich sehr, sehr mag.
„Die Melodien sind sehr eingängig, man kommt eigentlich nicht drum rum, es weiter zu pfeifen.“
MünchenMusik: Warum sind Vivaldis Vier Jahreszeiten das ideale Stück für das Projekt?
Harald Lesch: Die Melodien sind sehr eingängig, man kommt eigentlich nicht drum rum, es weiter zu pfeifen. Also, selbst wenn man es gar nicht will, das ist fast schon ein Ohrwurm. Und das Interessante ist, Vivaldi bietet damit eigentlich so was an, was genau dazwischen liegt, nämlich dem Tagesgang einerseits und dem Klima als langer Prozess auf der anderen Seite.
„Sweet and sour, du kriegst alles.“
MünchenMusik: Was darf das Publikum erwarten?
Harald Lesch: Natürlich eine fantastische Musik, Leute, die einfach unglaublich gut Musik machen können, das ist Merlin. Und dann haben die noch einen Typen dabei, der dir ein bisschen was erzählt darüber, auf was für einem tollen Planeten du lebst und dass dieser Planet aktuell außerordentlich stark verändert wird und damit unsere eigenen Lebensbedingungen gefährdet werden. Es ist so was Besonderes, dass dieser Planet so ist, wie er ist, das dürfen wir nicht riskieren. „Sweet and sour“, du kriegst alles. Scharf und weniger scharf. Es ist auch ein bisschen Bitterkeit dabei, das darf man nicht unterschätzen, weil es ist schon ein bisschen frustrierend, dass wir nicht in die Gänge kommen. Aber dieses Bittere ist ja für die Verdauung eben auch ganz gut.
„Weitermachen, weitermachen, weitermachen, das ist das Allerwichtigste.“
MünchenMusik: Welche Denkanstöße möchten Sie den Menschen mitgeben?
Vor allen Dingen die Botschaft: „Hört mal, wir haben kein Informationsproblem bei diesem Thema. Wir haben ein Handlungsproblem.“ Und handeln müssen wir alle selbst. Wichtig ist, ruhig zu werden. Diese Hysterie, das hilft nichts. Ruhig werden, Optionen identifizieren und dann mutig zu handeln. Und Klimawandel ganz anders anzugucken: „Deine Ernährung, also wenn du mal ganz ehrlich bist, die Ernährung, die gut wäre fürs Klima, die wäre auch gut für deinen Körper. Und wenn du nicht so viel Auto fährst, sondern Fahrrad, das könnte dir auch guttun.“ Also diese Pros da viel mehr in den Vordergrund zu stellen. Und dann hat man vielleicht genügend, das ist ja das Schöne an der Transformationsforschung, dass sie einem sagt: „So viele müsst ihr gar nicht sein. Dreieinhalb Prozent der Population würden ausreichen." Naja, das würde in Deutschland bedeuten, dass knapp drei Millionen Menschen auf die Straße gehen müssten und aktiv, nicht nur demonstrieren, sondern wirklich aktiv dabei sein müssten. Stellen Sie sich mal vor, drei Millionen bei einer Demonstration in Berlin für den Klimaschutz. Was das bedeuten würde. Und dann weitermachen, sich nicht entmutigen lassen, weitermachen, weitermachen, weitermachen, das ist das Allerwichtigste. Pessimismus ist Luxus und Resignation können wir uns nicht leisten. Weitermachen, kommt in unser Konzert, schaut euch das an. Wir geben euch vielleicht den ein oder anderen Tipp, ansonsten: Weitermachen!
Wann und wo finden die Konzerte der Tournee statt?
Die Tournee „Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“ mit Harald Lesch und dem Merlin Ensemble Wien finden im ganzen Jahr 2026 in verschiedenen deutschen Städten statt. Die genauen Termine und Spielorte finden Sie hier.
Welche Besetzung wird bei der Tournee „Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“ auf der Bühne stehen?
Neben Harald Lesch stehen acht klassische Musikerinnen und Musiker des Merlin Ensemble Wien unter der Leitung von Martin Walch auf der Bühne.
Wie kann ich Tickets kaufen?
Worum geht es in der Tournee „Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“
„Die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“ ist ein über viele Monate hinweg optimiertes Konzept, in dem sich ernste, spannende und humorvolle Wortbeiträge von Harald Lesch über die Entstehung der Vier Jahreszeiten und über den Klimawandel abwechseln mit der Musik Vivaldis. Durch den genau getimten Ablauf entsteht eine faszinierende Dramaturgie.
