Julia Fischer & Daniel Müller-Schott im Doppelinterview
Im exklusiven Gespräch mit MünchenMusik geben die Geigerin Julia Fischer und der Cellist Daniel Müller-Schott Einblicke in ihre langjährige Freundschaft, prägende Karrieremomente und unvergessliche Erlebnisse auf den großen Konzertbühnen der Welt.
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MünchenMusik: Was zeichnet Ihre Freundschaft und Ihr Zusammenspiel aus?
Daniel Müller-Schott: Es gibt Begegnungen im Leben, die sehr nachhaltig sind. Wir kennen uns und sind befreundet – seit Jahrzehnten kann man sagen. Die Musik hat uns über die Jahre einen ganz tollen Dialog gebracht, aber auch zwischenmenschlich ist es einfach schön, dass wir auch ähnliche Ziele im Leben haben.
Julia Fischer: Ich glaube, dass wir beide sehr loyale Menschen sind. Das ist nicht nur in unserer eigenen Freundschaft so, sondern auch überhaupt im Leben. Wir sind beide Leute, die gerne mit den gleichen Musikern immer wieder spielen, die auch Dirigenten immer wieder suchen, Orchester immer wieder suchen, oder Festivals. Durch dieses regelmäßige miteinander Musizieren kommt man natürlich auf eine andere Ebene. Egal wie fantastisch der Musiker ist, der mir gegenüber ist, wenn ich den noch überhaupt nicht kenne, kann ich nicht auf der gleichen Ebene arbeiten wie mit jemandem, mit dem ich seit Jahrzehnten zusammenarbeite. Und selbst wenn wir neue Werke miteinander studieren, beginnen wir natürlich auf einer anderen Ebene aufgrund unserer Geschichte, weil wir schon so viel miteinander gearbeitet haben und auch den anderen schon so gut kennen.
Daniel: Darum geht es im Leben meiner Meinung nach. Diese Kontinuität und dass man sich immer wieder trifft, in verschiedenen Lebenssituationen und sich austauscht. Ich meine, Musik ist Kommunikation, das ist Energie und Austausch und ist immer lebendig. Und zugleich gibt es eine Basis, die steht auf einem sehr soliden Fundament, würde ich sagen, weil wir uns eben so lange kennen.
2016 sagte Julia über Sie: „Daniel ist wahnsinnig neugierig – in jeder Hinsicht: musikalisch wie auch im Repertoire und im Ausprobieren von Instrumenten, Bögen und Saiten. Er ist einer derjenigen, die immer weitersuchen.“ Trifft das auch heute noch auf Sie zu?
Daniel: Ich bin ein bisschen besser geworden, was das betrifft (beide lachen). Also ich habe mein Instrument gefunden, das war auch eine jahrelange Suche. Das war aber auch etwas, was uns irgendwie verbunden hat, weil wir zur gleichen Zeit nach dem Instrument gesucht haben und wir irgendwie müde von diesem Modell waren, das jetzt in der klassischen Musik sehr präsent ist, dass Instrumente nur für eine bestimmte Zeit ausgeliehen werden. Das beschreibt auch so ein bisschen unseren Charakter, dass wir einfach sagen: „Wir wollen einen Lebenspartner, wir wollen ein Instrument, auf dem man sich ein Leben lang ausdrücken kann.“ Das hast du auch so empfunden. Und dann haben wir eben gesucht. Ich habe noch ein bisschen mehr gesucht als du, du hast es schneller gefunden (beide lachen). Aber das war so die Situation.
Manche Musiker beschreiben Ihr Instrument als eine Art Verlängerung Ihres Körpers. Empfinden Sie das ähnlich?
Daniel: Das Cello ist was sehr Physisches, weil man das so umarmt. Das ist so eine Entsprechung von der eigenen Physiognomie, würde ich sagen. Und die Geige ist ja auch die Verlängerung der Stimme. Es ist dein Singen und dein Atem und alles wird ausgedrückt auf dem Instrument (Julia nickt). Insofern wird es zu einem Teil von einem selbst. Ich kann das nur jedem empfehlen, ein Instrument zu spielen und zu lernen. Das ist ein ganz, ganz tolles Erlebnis, wenn man das auch so spüren kann.
Wie gelingt es Ihnen, Elternschaft und das Leben als Solist bzw. Solistin miteinander zu vereinbaren? Woher nehmen Sie dafür die Energie?
Julia: Also ich bin jetzt nicht die Person, der Energie fehlt, würde ich mal sagen ...
Daniel: Das würde ich auch sagen. Damit hast du kein Problem (beide lachen).
Julia: Das war noch nie ein Problem.
Daniel: Ich habe das mir bei Julia immer so abgeschaut, wie sie das macht, und ich habe das sehr bewundert, muss ich sagen (Julia lacht). Du warst die Erste, die den frühesten Flieger genommen hat, irgendwie um 7 Uhr wieder zurück zur Familie, damit hast du auch vermittelt, dass Familie was unglaublich Wichtiges ist und dass man für seine Familie da ist. Das habe ich auch so übernommen. Ich versuche auch, möglichst viel Zeit mit meiner Familie, mit meinen Kindern zu verbringen und auch nicht nur irgendwie ab und zu vorbeizuschauen und Tourneen zu spielen und Konzerte zu spielen, sondern wenn ich zu Hause bin, dann bin ich 100 % Papa. So ist das.
Julia: Man muss einfach für sich selber ganz klar die Priorität setzen: „Was ist mir am wichtigsten im Leben?“ Und das war für mich immer die Familie. Natürlich ist mir der Beruf wichtig und mir sind die Konzerte wichtig und ich spiele wahnsinnig gerne Konzerte und ich reise auch gerne. Aber wenn man für sich selber klar definiert: „Was ist die Priorität?“ Dann kann man es, glaube ich, ziemlich gut jonglieren, weil man dann auch klar weiß: „Was möchte ich und was möchte ich nicht.“
Welche gemeinsamen Erinnerungen verbinden Sie seit Ihrem Debüt 2002 mit Brahms’ Doppelkonzert?
Julia: Da gibt es sehr viele Erinnerungen.
Daniel: Wir haben wirklich viel erlebt.
Julia: Wir haben Brahmsʼ Doppelkonzert wahrscheinlich fast 100 Mal gespielt. Es gibt dramatische Erinnerungen, es gibt wunderschöne Erinnerungen. Wir haben das Doppelkonzert mit Yakov Kreizberg aufgenommen und sollten das 2011 in Spanien mit ihm auf einer Tournee spielen. Die Zeit, während wir auf der Tournee waren, war wahnsinnig intensiv für uns, wissend, dass er zu Hause ist und im Sterben liegt, während wir auf der Bühne stehen und jeden Abend mit seinem Orchester Brahmsʼ Doppelkonzert spielen. Das war, glaube ich, etwas, was uns nachhaltig sehr geprägt hat und natürlich auch verbunden hat. Wenn man so etwas miteinander erlebt, das geht nicht spurlos an einem vorüber.
2020 waren wir eingeladen, das bei der 75. Jahresfeier vom NDR Sinfonieorchester und Alan Gilbert zu spielen.
Daniel: Das war auch schön (lacht).
Julia: Da wurde uns drei Stunden vor dem Konzert das Publikum gestrichen wegen der Covid-19-Pandemie. Man hat da so Pappfiguren der Komponisten in den Saal der Elbphilharmonie gesetzt. Und wir standen dann auf der Bühne und haben dann gespielt für diese ...
Daniel: ... für die Pappfiguren. Ja, das war schon echt dramatisch. Und das ganze Orchester wurde damals vorher noch zum Testen geschickt. Es war wirklich eine einzige Achterbahn emotional, weil keiner wusste: „Findet es jetzt statt, findet es nicht statt? Was machen wir? Mit Publikum, ohne Publikum?“ Das ging die ganze Zeit hin und her und am Ende ist der Moment, wenn es dann beginnt und wir die Noten spielen, total schön, dass wir uns so gut kennen und dass wir das auch zusammen durchstehen, weil so einen Moment, da will man nicht mit irgendjemandem auf der Bühne stehen und dann nicht wissen, was passiert. Das hat uns auch irgendwie verbunden. Wir haben durchgehalten.
Julia: Es gibt natürlich wahnsinnig schöne Erinnerungen. Das Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester in New York und Kirill Petrenko, das gehört sicherlich zu den Highlights unserer „Brahms-Doppel-Geschichte.“
Daniel: Das hat Freude gemacht. Man muss sich die Situation in der Carnegie Hall vorstellen: Kirill Petrenko ist der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und ein wahnsinniger Fokus richtet sich natürlich auf ihn. Und die ganzen Intendanten aller amerikanischen Orchester, und überhaupt alle Orchester sind da hingeflogen, um ihn zu hören. Ich habe ihn beobachtet: Man hat ihm das angemerkt. Es ging ihm nicht wirklich gut.
Julia: Aber es war auch sein Debüt. Es war sein Debüt in der Carnegie Hall!
Daniel: Noch dazu!
Julia: Wir haben uns einfach gefreut, in New York zu sein.
Daniel: Genau, Abschluss der Tournee, Carnegie Hall, wunderbar. Du hast ihm ein bisschen die Nervosität nehmen wollen, das war so komisch.
Julia: Genau. Ich wollte eigentlich nur sagen: „Leute, das ist auch nichts anderes, als wenn man in Planegg spielt.“
Daniel: „Alles easy, es geht um die Musik.“ Ich glaube, es hat ihm auch geholfen, hoffentlich.
Julia: Wer weiß.
Bevor 2018 die Tür zur Carnegie Hall aufging, sagten Sie, Julia: „Es ist kein Unterschied, ob ich hier oder in Planegg spiele.“ Warum sind Sie gleich nervös, ob Ihnen zehn Menschen bei einem Hauskonzert zuhören oder Tausende in der Carnegie Hall vor versammelter Prominenz?
Julia: Wenn man mal ganz ehrlich ist: Das schwierigste Publikum sind Studenten, die Leute, die wirklich am meisten von der Sache verstehen. An zweiter Stelle für mich persönlich steht das Orchester.
Daniel: Absolut, ja klar.
Julia: Die Leute, die in dem Bayerischen Staatsorchester sitzen, verstehen von der Sache sicherlich mehr als jedes Publikum auf der Welt. Wenn man sich das einfach mal klargemacht hat, dann spielt es auch wirklich keine Rolle, wohnt derjenige in der 5th Avenue oder wohnt derjenige halt in Planegg. Das sind halt Menschen, die gerne ins Konzert gehen. Und der in Planegg kann viel von der Sache verstehen und der in New York kann auch viel von der Sache verstehen. Das weiß ich aber nicht.
Daniel: Mir hilft es immer, den Fokus erst mal auf die Musik zu legen, sich wirklich da total darauf einzulassen, dass man jetzt in Verbindung mit der Musik ist, wirklich mit dem Moment, in dem sie aufgeführt wird. Und auch sich vorzustellen, die Menschen, die in den Saal kommen, die wollen Freude und berührt werden, was Nachhaltiges erleben, was in Erinnerung bleibt. Deshalb ist dieser Moment etwas Wunderschönes. Aber das ist auch so ein bisschen Psychologie.
Julia: Ja, aber da ist der Daniel auch ein Genie (Julia grinst, Daniel leicht verlegen).
Ich glaube, Nervosität kommt daher, wenn jemand auf die Bühne geht und etwas beweisen möchte.
Daniel: Sehr gut, ja.
Julia: Und ich glaube, es ist absolut nachvollziehbar und auch legitim, dass jemand am Anfang seiner Karriere selbstverständlich was beweisen möchte. Das ist ja klar. Man möchte ja weiter engagiert werden und Konzerte haben. Endlich darf man vor einem großen Orchester stehen. Also ich glaube, da waren wir beide auch nicht gefeit davon. Wir wollten auch etwas beweisen. Aber wir gehen ja auf die Bühne, um etwas zu teilen.
Daniel: Absolut. Das Teilen ist das Entscheidende.
Julia: Und es kann natürlich gut sein, dass wenn da 2.000 Leute in den Saal kommen, dass da fünf Leute drin sitzen, die mir etwas Böses wollen. Das weiß ich nicht. Das kann schon sein, aber das ist ja nicht relevant. Relevant ist genau das, was Daniel gesagt hat: Die meisten Menschen gehen ja ins Konzert, weil sie einen schönen Abend erwarten, etwas Emotionales, etwas, was sie bewegt. Und das ist auch unsere Aufgabe.
Gab es bei einem Ihrer gemeinsamen Konzerte schon einmal eine große Panne, die Sie meistern mussten?
Daniel: Da gab es einige, nicht nur eine.
Julia: Nicht nur eine ... (beide lachen herzlich)
Daniel: Wir haben auf alles reagiert, ja. „Faultless“ sage ich da nur, ... Straßburg ...
Julia: Komm, keine Details, keine Details.
Daniel: Nene, nene.
Julia: Es gab ein Erlebnis mit Brahmsʼ Doppelkonzert, wo ich tatsächlich danach vor lauter Lachen in Tränen ausgebrochen bin. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen. Es war ein so absurdes Konzert.
Daniel: Da ist wirklich alles irgendwie drunter und drübergegangen. Wir haben uns verbeugt und so, und der Dirigent war so euphorisch und hat gesagt: „It was faultless!“ Seitdem sagen wir das. Also wenn es „faultless“ ist, dann ...
Julia: ... dann war es super. Dann war es ganz großartig (lacht).
Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Solist bzw. Solistin werden wollten?
Julia: Also mir war es von Anfang an klar.
Daniel: Mir war es auch von Anfang an klar, da gab es keine Zweifel (beide lachen).
Ich bewundere heute Orchestermusiker sehr. Diese Fähigkeit, sich in diesen Gesamtklang einzufinden und wirklich da Teil von dem Ganzen zu werden. Und ich versuche das auch zu übernehmen. Ich möchte es nur nicht mein ganzes Leben lang haben. Ich liebe diesen Wechsel, zu Orchestern zu kommen und auch einfach neue Dinge aufzunehmen, aus dem Orchester neue Farben kennenzulernen, neue Menschen durch die Musik kennenzulernen. Ich bin ja schon als 15-Jähriger zum Jugend-Tschaikowsky-Wettbewerb gefahren, nach Moskau, und da bin ich ausgezeichnet worden mit dem Ersten Preis. Das war dann schon sehr klar, dass ich auch weiter Cello-Konzerte spielen möchte und natürlich auch Kammermusik mache, aber nicht jetzt immer Orchester spiele. Und bei dir?
Julia: Ich wurde ja auf Geige und Klavier ausgebildet und als Pianist stellt sich ja die Frage des Orchestermusikers nicht. Meine Mutter ist ja auch Pianistin. Das, glaube ich, war der erste Grund, warum ich über das Orchesterspielen nie nachgedacht habe als Kind. In der Zwischenzeit ist es so, dass ich sehr häufig Kammerorchester leite als Konzertmeisterin und das mir wahnsinnigen Spaß macht und ich auch wirklich sehr gerne Teil von dieser Masse bin. Wenn ich nicht Solistin geworden wäre, sondern wenn ich in einem super Orchester gelandet wäre, wäre ich, glaube ich, genauso glücklich geworden.
Wie profitieren Sie als Geigerin von Ihren pianistischen Fähigkeiten?
Ich weiß gar nicht, wie man das macht, wenn man nicht Klavier spielt, weil wenn ich ein Werk lerne, dann lese ich selbstverständlich die Partitur immer am Klavier. Das ist einfach Teil meines Studiums. Jede Geigensonate, die ich lerne, lerne ich auch auf dem Klavier. Ich kenne immer beide Parts. Also für mich spielt das Klavier eine wahnsinnig dominante Rolle in meiner Arbeit.
Wie kam es dazu, dass Sie Geigerin geworden sind und nicht Pianistin?
Also ich analysiere das immer noch, ich weiß es nicht (lacht). Der Hauptgrund ist, glaube ich, dass man auf der Geige früher Erfolg haben kann als auf dem Klavier und sich der Erfolg einfach auch früher eingestellt hat. Dadurch, dass es kleine Geigen gibt, kann man so was wie ein Mendelssohn-Konzert mit acht oder neun problemlos auf der Geige lernen. Aber beim Klavier ist es doch so, dass die Hände erst mal eine gewisse Größe erreichen müssen, bis man sich diesem größeren Repertoire widmen kann. Ich habe das dann zwar getan, aber zu dem Zeitpunkt, als ich auf dem Klavier anfangen konnte mit Chopin-Etüden und diesen ganzen Sachen, spielte ich halt auf der Geige schon das Beethoven-Konzert mit Orchester. Es wirkte einfach so, als wäre ich auf der Geige besser als auf dem Klavier. Ich glaube aber, dass der Teil tatsächlich nicht stimmt, im Nachhinein, auch wenn ich mir Videos angucke, als ich Kind war.
Der zweite Punkt war, dass ich Klavierunterricht bei meiner Mutter hatte und Geigenunterricht immer extern, weil meine Mutter Geige nicht unterrichtet hat und meine Mutter immer sicherstellen wollte, dass ich zum Geigenunterricht wirklich gut vorbereitet bin. Das heißt im Zweifel, wenn zu wenig Zeit war, habe ich natürlich Geige geübt und nicht Klavier, weil sie wollte sich nicht anhören von den Lehrern, dass man da unvorbereitet in irgendeine Geigenstunde gekommen wäre. Und dann kam ich natürlich mit neun an die Musikhochschule München zu Ana Chumachenco.
Daniel: Mit neun, wohlgemerkt. Mit neun. Das ist nicht zu fassen.
Julia: Und damit waren so ein bisschen die Würfel gefallen. Ana Chumachenco fand es zwar gut, dass ich irgendwie da auch so Klavier spiele, aber natürlich waren die Anforderungen dann so hoch, dass die Geige einfach den Großteil meiner Freizeit eingenommen hat.
Daniel, mit fünf Jahren hörten Sie Yo-Yo Ma im Herkulessaal. Was hat Sie damals so begeistert, dass Sie selbst Cellist werden wollten?
Daniel: Ich saß da oben im Rang und habe einfach das so intuitiv wahrgenommen, wie verbunden, in dem Fall Yo-Yo Ma, mit dem Instrument war. Diese Stimme von dem Cello, das habe ich noch in Erinnerung. Und dann hatte ich halt das Glück, dass ich eine Mutter hatte, die auch Musikerin ist und die mir dann sofort einen netten Kollegen als Lehrer vermittelt hat. Deshalb hatte ich das Glück, dann relativ bald, nachdem ich das erlebt habe, zu starten mit dem Cello.
Sie blicken auf 24 gemeinsame Jahre auf der Bühne zurück: Was hat sich in dieser Zeit für Sie persönlich und musikalisch verändert?
Julia: Ich glaube, man hat mehr Mut. Das ist der wesentliche Unterschied. Dadurch, dass man wahrscheinlich schon jeden Fehler auf der Bühne einmal so erlebt hat, von einem selbst wie auch von den Kollegen und Kolleginnen, ist man nicht mehr so wahnsinnig überrascht, wenn bei einer Stelle die Flöte nicht mit einem spielt und man kann darauf natürlich viel schneller und auch gelassener reagieren. Ich denke, man hat auch mehr Mut, vor allem zu Klangfarben, auch Dynamik. Wenn man zum ersten Mal in so einem 2000-Mann-Saal spielt, dann wagt man gar nicht, unter einem Mezzoforte zu gehen, weil wer weiß, ob das noch durchkommt. Das sind solche Sachen, die man ja lernen muss, wie extrem man spielen kann, spielen darf. Und es ist auch ein Erfahrungswert, zum Beispiel ein Ritardando: „Wie groß kann das sein? Wie groß darf das sein, dass es noch funktioniert?“
Daniel: Über die Jahre, wenn man immer wieder Konzerte spielt, merkt man, dass mit der Zeit immer mehr von dem abfällt, was einen in jungen Jahren antreibt, wenn man etwas beweisen und zeigen will. Man kommt auf die Bühne und sagt: „Ich zeige mich menschlich.“ Das holt die Leute viel mehr in die Musik als umgekehrt: „Ich zeige euch jetzt, wie großartig ich irgendwas kann.“ – Cello spielen, Geige spielen, was auch immer. Das ist das, was ich bei jedem Konzert versuche zu intensivieren und was die Menschen auch wirklich anders zuhören lässt, anders wahrnehmen lässt.
Julia: Am Anfang der Karriere ist der Fokus auf einem selber und ich glaube, über die Jahre hinweg stellt man einfach das Werk immer mehr in den Vordergrund. Es wird uns überdauern, es ist nicht so relevant, dass ich das spiele. Das Werk ist relevant und steht im Vordergrund. Dass man auf die Bühne geht und einfach dankbar ist, dass man hier stehen darf. Und diese Demut, die man dann doch im Leben lernt, das kann man, finde ich, von jemandem, der jung ist, nicht unbedingt erwarten.
1995 gewannen Sie den Menuhin-Wettbewerb. Ihre Lehrerin Ana Chumachenco sagte dazu nur: „Wenn du den Wettbewerb gewonnen hast, kann das Niveau ja nicht allzu hoch gewesen sein“ ...
Julia: Das klingt jetzt sehr hart, aber wenn man Ana kennt, dann weiß man ...
Daniel: ... die Messlatte ist ... (hebt die Hand auf Kopfhöhe)
Julia: ... sie hat das überhaupt nicht böse gemeint. Sie war in der Vorbereitung mit mir nicht so zufrieden. Sie hat meiner Mutter vor dem Wettbewerb gesagt, dass meine Mutter sich darauf einstellen soll, dass ich aus der ersten Runde rausfliegen werde. Aber das sei egal. Das sei einfach eine Erfahrung. Und ich würde dort Leute treffen. Ich solle da hinfahren und das einfach genießen, dass ich mal aus München rauskomme und mal ins Ausland komme, ich war ja elf.
Daniel: Das war in London?
Julia: Das war in Folkestone, in Südengland. Ich bin dann da hingekommen und ich war auch absolut selber überzeugt davon, dass ich nur diese erste Runde spiele. Ich wollte halt so spielen, dass ich nicht ausgelacht werde.
Daniel: Das hast du geschafft (lacht).
Julia: Mein Ziel war, dass ich so spiele, dass man mich irgendwie ernst nimmt. Aber ich habe absolut nicht damit gerechnet, in die zweite Runde zu kommen. Der Witz war nur, dass ich in der ersten Runde zuerst eine Rode-Caprice spielte, dann Bach. Das war alles okay. Und dann habe ich die Dvořák-Romanze gespielt, in f-moll. Ich hatte diese zwei Seiten gespielt und dann kam dieses Zwischenspiel, und ich blickte in den Saal und sah da Menuhin sitzen und die ganze Jury. Und in dem Moment, als ich die Gesichter sah, war mir absolut klar, lustigerweise, dass ich diese Runde gewonnen hatte. Ich wusste das in diesem Moment. Ich weiß noch genau dieses Gefühl, wie sich das in mir umgedreht hatte, in einer Millisekunde. Dieser Blick in den Saal und dann war mir absolut klar: „Mädchen hier, du hast eine veritable Chance.“ Und es ist ja interessant, was diese Wettbewerbe dann doch mit einem machen, weil du hast mir ja auch oft von deinem Wettbewerb erzählt.
Daniel: Ich hatte so eine ähnliche Erfahrung. Mein Lehrer, der hatte auch meiner Mutter gesagt: „Also wenn der Daniel jetzt nicht jeden Tag sechs, sieben Stunden übt, dann braucht er da gar nicht hinfahren zu dem Wettbewerb.“ Das war ein großes Eröffnungskonzert in Moskau und die haben halt diese ganzen Spezialschüler der russischen Streicherschule vorgestellt, die wirklich wahnsinnig trainiert waren. Und da habe ich gemerkt: „Wow, wenn sich jetzt nicht in mir irgendwas umdreht, dann wird das nichts.“ Ich hatte auch diesen Moment, ich habe auch gespielt und gespürt, irgendwas verändert sich. Und dann ging das in eine positive Richtung.
Julia: In der ersten Runde, würde ich sagen, war ich wirklich noch eine Schülerin, die gespielt hat. Aber innerhalb dieses Wettbewerbs hat sich mein Spiel, für wen ich spiele, völlig umgedreht: Bis zu dieser Mitte der Dvořák-Romanze hatte ich immer gespielt, weil es mir Spaß gemacht hat. Und ich wollte halt gut spielen. Und ich wollte, dass alle mit mir zufrieden sind. Und während dieses Wettbewerbs habe ich begriffen: „Ich spiele ja fürs Publikum und ich spiele für andere. Und ich teile etwas. Und der Komponist ist relevant.“ Vor allem dieses: „Was möchte ich mit diesem Werk sagen?“ Das habe ich in diesem Wettbewerb gelernt.
War der Wunsch, sich ständig zu verbessern, schon immer Ihr eigener Antrieb – oder haben Lehrer oder Eltern manchmal nachgeholfen?
Daniel: Also es gab bei mir immer Momente, in denen ich gedacht habe: „Wo soll die Reise hingehen? Ich habe so viele Interessen, ich will so viel entdecken im Leben.“ Da sind, glaube ich, die Mütter auch nicht schlecht (beide lachen). Meine Mutter hat mich dann wirklich ziemlich vor die Wahl gestellt: „Was willst du machen im Leben?“ Dieser Moment: „Wirst du das aufgeben? Willst du die Musik wirklich beenden?“ Der hat immer in mir was ausgelöst, weil ich irgendwie in mir gespürt habe: „Diese Musik hat so eine Kraft, die ist so unmittelbar und das ist so stark, dass ich davon nicht wegkomme und auch nicht wegkommen will.“
Julia: Ich glaube, dieser Wille, das machen zu wollen, den kann man nicht anerziehen. Ich sehe das jetzt ja auch selber als Elternteil und auch als Professorin an der Hochschule. Man kann sehr viel unterrichten und man kann sehr viel erklären. Man kann auch motivieren. Aber dieser letztendliche Wille: „Ich werde an dieser Note so lange arbeiten, bis ich damit zufrieden bin.“ Den kann man nicht unterrichten. Ich kann zwar im Unterricht darauf bestehen, dass wir jetzt an dieser Note arbeiten, bis das passiert, aber das kann ich dann genau mit einer Note machen. Wenn der Schüler oder die Schülerin dann nicht nach Hause geht und den gleichen Willen hat für die nächste und für die übernächste Note, dann ist das Ganze einfach sinnlos. Dann kann ich nichts machen. Ich bin davon überzeugt, dass jedes Kind ein Instrument lernen soll. Das finde ich total wichtig. Gerade in der heutigen Zeit ist es noch viel wichtiger, als es jemals war. Ob jemand Musiker werden soll oder nicht, das muss jemand wirklich für sich selber entscheiden, weil das so viele Konsequenzen hat. Möglicherweise hattest du die Zweifel, aber es ist etwas, was mich an Daniel immer unglaublich fasziniert hat, dieses weitere Suchen: Wir spielen fünf Konzerte in Folge, und das erste Konzert war wirklich auf einem sehr anständigen Niveau. Man könnte damit auch zufrieden sein und das einfach so lassen. Daniel ist nie zufrieden. Das klingt negativ. Das meine ich überhaupt nicht. Du bist ja glücklich, wenn du von der Bühne kommst.
Daniel: Die Reise ist halt nur nicht zu Ende.
Julia: Ja, er ist nicht deprimiert, sitzt dann da an der Bar oder was (Daniel lacht).
Es ist aber doch so, es gibt immer diese Bereitschaft, sich selber noch mal in Frage zu stellen. Es gab schon Konzerte, wo Daniel danach kurz vor Mitternacht mit Partitur und Aufnahme vom Konzert an meiner Hotelzimmertür geklopft hat.
Daniel: Ohje, da hast du auch gedacht: „Was kommt jetzt?“
Julia: Ja! Und dann kommt: „Also so können wir das nicht spielen.“ Und dann kommt er rein. Und dann sitzen wir dann da vor der Partitur und hören die Aufnahme vom Konzert und stellen fest, was vielleicht nicht so gut war, was man vielleicht hätte besser machen können.
Daniel: Ich habe bei Julia immer das Gefühl, du hast in deinem letzten Leben schon alles gelernt. Diese Selbstverständlichkeit, wie du auf der Bühne bist, wie du mit dem Instrument bist. Diese Intensität und dieses Ausdrücken wollen, die Musik wirklich mit allen teilen zu wollen. Das ist wahnsinnig ansteckend. Seit wir Brahms’ Doppelkonzert zum ersten Mal gespielt haben, habe ich diesen Gedanken des Komponisten, ein achtsaitiges Instrument zu schaffen, immer als ganz beglückend empfunden: dass wir eine Einheit bilden und gemeinsam ein ganz großes Erlebnis in diesem Konzert kreieren. Dass es da keinerlei Diskrepanz gibt in diesem gemeinsamen Kreieren von Klang.
Am 2. Dezember spielen Sie dann zusammen mit dem Orchestre National de France und Cristian Măcelaru ...
Daniel: Măcelaru, genau, weil der hat doch diesen ...
Julia: ... weiß ich gar nicht ...
Daniel: ... vielleicht mit „u“ ...
Julia: „Măcelaru“ – Sollen wir ihn anrufen und fragen? (beide lachen)
Daniel: „Cristian, hallo!“
Julia: „Cristian, sag mal was!“ Also mit Cristian spielen wir.
Daniel: Schön ist, dass wir beide bereits mit dem Orchester und mit Cristian zusammen gespielt haben. Aber das Brahms-Doppelkonzert, das wird eine Premiere.
Julia: Also ich arbeite mit Cristian Măcelaru sehr oft zusammen. Er war ja Konzertmeister vom Houston Symphony Orchestra, also er ist ein Geiger und spielt nach wie vor hervorragend Geige. Deswegen macht es wahnsinnigen Spaß, mit ihm zu spielen, wenn man selber Geiger ist, weil man über Fingersätze diskutieren kann. Und wenn man auch gerade sehr schwere Konzerte spielt und man ist in so einer blöden Passage drin – er bekommt wirklich alles mit. Er weiß immer ganz genau, wann er noch so eine Millisekunde wartet, damit man die Passage schön zu Ende spielen kann. Er gibt einem in den Violinkonzerten ein wahnsinnig gutes und positives Gefühl. Und er ist auch jemand, der immer bereit ist, nochmal zu diskutieren und noch mal eine bessere Lösung zu finden. Ich bin ja dieses Jahr in Residenz bei Radio France, deswegen bin ich sehr dankbar, dass wir die Gelegenheit bekommen werden, das in München zusammen zu spielen.
Wann und wo finden die Konzerte mit Julia Fischer und Daniel Müller-Schott statt?
Am 2. Dezember 2026 erleben Sie Julia Fischer und Daniel Müller-Schott in der Isarphilharmonie (Gasteig HP8).
Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.
Am 2. Februar 2027 spielt Julia Fischer das Violinkonzert von Jean Sibelius, ebenfalls in der Isarphilharmonie.
Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.
Welches Programm spielen Julia Fischer und Daniel Müller-Schott?
Am 2. Dezember 2026 in der Isarphilharmonie (Gasteig HP8) spielen Julia Fischer und Daniel Müller-Schott Brahmsʼ Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-moll op. 102 mit dem Orchestre National de France unter der Leitung von Cristian Măcelaru. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.
Am 2. Februar 2027 spielt Julia Fischer Sibeliusʼ Violinkonzert gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.
Wie kann man Tickets kaufen?
Tickets erhalten Sie direkt auf der Website von MünchenMusik.
Tickets zum Konzert am 2.12.26 mit Julia Fischer, Daniel Müller-Schott und dem Orchestre National de France erhalten Sie hier.
Tickets zum Konzert am 2.2.27 mit Julia Fischer und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erhalten Sie hier.
Für besondere Anliegen erreichen Sie uns auch telefonisch unter 089/936093

