Rudolf Buchbinder im Interview

Ein Gespräch über Beethovens Extreme, die Liebe und die Unvereinbarkeit von Kunst und Kompromissen.

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Würden Sie Beethoven als Ihren Lieblingskomponisten bezeichnen?

Rudolf Buchbinder: Beethoven ist sicherlich ein zentraler Punkt in meinem Leben. Für mein Klavierspiel, für die Musik, für alles. Der hat mich schon seit Kindheitstagen verfolgt. Beethoven hat immer in Extremen gelebt und komponiert. Beim Beethoven hieß es nicht: „forte“, „piano“. Das war beim Beethoven „fortissimo“, „pianissimo“. Beethoven wurde verfolgt ein Leben lang durch Sehnsucht nach Wärme und Liebe. In manchen Wohnungen ist er viermal gewesen, ausgezogen, woanders gewohnt, dann wieder zurück. Für mich ist auch Beethoven einer der romantischsten Komponisten. Er ist der einzige Komponist in der Musikgeschichte, der nach einem „espressivo“ „a tempo“ schreibt. Das heißt, das „espressivo“ war nicht im Tempo. Er überlässt dem Interpreten alle Freiheiten.

Warum sind Beethovens Klaviersonaten so bedeutsam? 

Opus 2 bis Opus 111 begleitete Beethoven das gesamte Leben. Es gibt kein vergleichbares Œu­v­re von anderen Komponisten. Ich habe diesen Zyklus über 60-mal in meinem Leben weltweit absolviert. In jeder Sonate spürt man seinen momentanen Gemütszustand, ob er gut aufgelegt war, ob schlecht, oder ob er verliebt war. Er war sehr oft verliebt (lacht).

Aber auch die Verschiedenheit der Charaktere der einzelnen Sonaten: Es ist keine ewige Steigerung. Die großen Sonaten sind früher gewesen. Für Beethoven war die wichtigste, größte Sonate die sogenannte „Appassionata“. Wo sich Beethoven wirklich aufgeregt hat, ist „Les Adieux“. Über die ersten drei Akkorde steht: „Le-be wohl“, mit seiner Handschrift. Damals war es Mode, alles französisch zu betiteln, so wie „Impromptu“ oder „Moment musical“ bei Schubert. Aber „Les Adieux“ hat ihn furchtbar aufgeregt, er sagte dazu: „‚Adieux‘ sagt man doch zu einer Gruppe, ‚Lebe wohl‘ ist doch etwas Intimes.“ Und er hat vollkommen recht.

Und welche Bedeutung haben die Klaviersonaten von Beethoven für Sie persönlich?

Ich habe die Beethoven-Sonaten zum ersten Mal in den 1970er Jahren aufgenommen. Nach 30 Jahren sagt mir Joachim Kaiser: „Rudi, jetzt muss du die Beethoven-Sonaten wieder aufnehmen.“ Ich sagte „Um Himmels willen, nicht noch einmal“. Er sagte: „Oh ja!“ Ich sagte: „Warum? Wozu?“ Er sagte: „Jetzt bist du frei.“ Das werde ich nie vergessen.

„Man würde es nicht glauben, aber Beethoven war ein Womanizer. Sein Pech war, dass er immer in die falschen Damen verliebt war.“

Rudolf Buchbinder

Sie besitzen 39 verschiedene Ausgaben aller Beethoven-Sonaten.  Was erfahren Sie daraus, das eine „Urtextausgabe“ nicht verrät?

Henle schreibt „Urtextausgabe“, was aber absolut nicht stimmt, weil Henle, auch Bärenreiter, so viele Vorzeichen in Klammer setzen. Für mich die beste Ausgabe ist von Franz Liszt. Seine Ausgabe zeichnet sich aus, dass nur das gedruckt wurde, was Beethoven schrieb – nur die originalen, die wenigen originalen  Fingersätze von Ludwig van Beethoven. 

Sie sprechen in Interviews über Ihr „ökonomisches Üben“. Können Sie das genauer erklären?

Man muss lernen, wie man am besten lernt. Wenn man nicht wirklich 100 % konzentriert ist, sollte man sich nicht ans Klavier setzen. Also ich sitze nicht am Klavier und spiele die Tonleitern rauf und runter. Das ist nur eine Vergeudung der Kräfte der Finger. Ich bin nach einer halben Stunde Üben komplett fertig. 

Im ORF sagten Sie: „Wenn man nur Freunde hat, besteht immer die Gefahr des Mittelmaßes.“ Muss eine Interpretation polarisieren, um gut zu sein?

Ja, man muss anecken. Man soll auch in der Musik keine Kompromisse machen. Genauso wie man wirkliche, wahre, große Verehrer hat, hat man natürlich viele, die einen ablehnen. Das Schlimmste ist, wenn man versucht, es allen Recht zu machen. Das ist Mittelmaß.

Nach all den Jahrzehnten als Pianist auf der Bühne: Hat sich ihr Blick auf die Werke verändert?

Wenn ich zurückdenke, wie intolerant und unflexibel man als junger Mensch ist: Als Student, wir hörten die Bach-Solosuiten für Cello von Pablo Casals, und wir waren entsetzt, wie viele Rubati Pablo Casals machte. Carl Czerny hat auf Zuruf das gesamte Œu­v­re von Beethoven auswendig gespielt. Ein wahres Genie. In der Opus 90, im zweiten Satz, wechselte er acht, neun Mal das Tempo. Das trauen wir uns heute gar nicht.

Bruno Seidlhofer (links) mit Rudolf Buchbinder (rechts) - Quelle: buchbinder.net
Bruno Seidlhofer (links) mit Rudolf Buchbinder (rechts) 1962 © buchbinder.net

Wie Friedrich Gulda und Martha Argerich studierten Sie Klavier bei Bruno Seidlhofer. Was konnten Sie von ihm lernen?

Bruno Seidlhofer zeichnete etwas aus: Er ließ jedem seiner Schüler und Schülerinnen seine eigene persönliche Identität. Gulda, Argerich, Nelson Freire, Jacques Klein, meine Wenigkeit: Wir sind alle so grundverschieden. Und das hat den Seidlhofer ausgezeichnet, dass die Schüler nicht alle gleich klingen. 

Was einmalig war, und da bin ich sehr glücklich darüber: Ich habe nicht einen einzigen Einzelunterricht gehabt. Wir waren von früh bis abends alle Schüler immer zusammen. Ich habe 30 Jahre an der Universität in Basel unterrichtet, und da waren wir immer komplett, die ganze Klasse zusammen, von früh bis abends. Wenn einer mit einer Haydn-Sonate kam, war der Unterricht vielleicht eine halbe Stunde. Wenn einer mit Brahmsʼ Zweitem Klavierkonzert kam, war der Unterricht zwei Stunden. Nächste Woche war es dann umgekehrt.

Was ist ihr liebstes Hobby? Auf Wikipedia steht, Sie malen gerne? 

Nein, das ist nicht mehr so, weil ich nicht gut genug bin. Ich lese gerne und höre gerne Musik – Oscar Peterson, Frank Sinatra, und so weiter. Das ist auch die Musik, die ich im Auto höre.

Vielen Dank, Herr Buchbinder. Wir freuen uns, Sie 2027 dreimal in München zu erleben!

Wann und wo finden die Konzerte mit Rudolf Buchbinder statt?

Am 19. Januar 2027 erleben Sie Rudolf Buchbinder mit den Wiener Symphoniker unter der Leitung von Petr Popelka in der Isarphilharmonie. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.

Am Sonntag, 14. Februar 2027 spielt Rudolf Buchbinder eine Klaviermatinee im Prinzregententheater. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.

Am 31. Mai 2027 folgt ein weiterer Sonaten-Abend im Prinzregententheater. Weitere Infos erhalten Sie hier.

Welches Programm spielt Rudolf Buchbinder?

Am 19. Januar 2027 präsentieren die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Petr Popelka in der Isarphilharmonie Beethovens Klavierkonzert Nr. 4. – für den Solisten Rudolf Buchbinder „das tiefste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven“. Nach der Pause folgt Beethovens berühmte Symphonie Nr. 3 „Eroica“. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.

Am Sonntag, 14. Februar 2027 spielt Rudolf Buchbinder eine Klaviermatinee im Prinzregententheater mit der „Sturm“-, „Jagd“-, „Waldstein“-Sonate sowie der Sonate op 14/2 in G-Dur. Weitere Infos zum Konzert erhalten Sie hier.

Am 31. Mai 2027 folgt ein weiterer Sonaten-Abend im Prinzregententheater. Auf dem Programm stehen neben den Sonaten op. 2/1 in f-moll und op. 10/2 in F-Dur auch die berühmten Sonaten „Pathétique“ und „Appassionata“. Weitere Infos erhalten Sie hier.

Wie kann man Tickets kaufen?

Tickets erhalten Sie direkt auf der Website von MünchenMusik. 

Tickets zum Konzert mit Rudolf Buchbinder und den Wiener Symphonikern am 19. Januar 2027 erhalten Sie hier.

Tickets zur Klaviermatinee von Rudolf Buchbinder am 14. Februar 2027 erhalten Sie hier.

Tickets zum Klavierabend mit Rudolf Buchbinder am 31. Mai 2027 erhalten Sie hier.

Für besondere Anliegen erreichen Sie uns auch telefonisch unter 089/936093